Geschrieben von Hanna Gröber

Von Anfang an: Wie kamst du überhaupt zur Leichtathletik und dann den 400m Hürden?

Also so wirklich kann ich die Frage gar nicht beantworten. Die Leichtathletik war eigentlich schon immer da, mal mehr und mal weniger. Tendenziell eher weniger, aber ich habe immer in irgendeiner Form mit der Sportart zu tun gehabt, zuerst durch meine Eltern und dann als damalige Schülerin, da habe ich mit Jan Hoffmann und Theo Haug bei meiner Mutter und Andi (Andreas Gau, ehemaliger LAV- Trainer) angefangen, zu trainieren. Wie es dann am Ende bei den Hürden gelandet ist, weiß ich nicht. Mich haben sie immer fasziniert, so eine bisschen zu verdanken habe ich das auch Sven Rees, der lange mein Techniktrainer war. Ich fand es immer spannender, als einfach nur geradeaus zu laufen, vor allem in den jungen Jahren hatte das eine große Faszination. Jetzt würde ich das aber gar nicht mehr so sagen…

Was würde dich denn jetzt eher faszinieren?

Ich weiß es nicht so genau, aber mittlerweile finde ich die Disziplinen, bei denen die Taktik mehr im Vordergrund steht, spannender. Gerade, wenn es um mehr geht, als nur mein Bestes abzugeben, und wenn es auch eine Rolle spielt, wie ich mich im Feld verhalte und positioniere. Das fehlt, finde ich, in den meisten Disziplinen, außer auf den langen Strecken im Laufbereich.

Und andere Sportarten?

Ich habe früher Basketball gespielt, aber als ich dann mehr trainieren sollte, habe ich mich für die Leichtathletik entschieden. Ich will aber eigentlich nichts mehr so Riesiges anfangen, und eher etwas machen, wofür ich wenig benötige. Und das Einfachste ist nun mal Laufen.

Grundsätzlich habe ich den Wettkampfsport ja auch nicht aufgehört, weil ich keine Lust mehr auf die Sportart, sondern auf die Wettkämpfe hatte. Und das Herz hängt halt schon noch an meinem Sport.

Könntest du dir vorstellen, nochmal zum Leistungssport zurück zu kehren?

Ich will auch die Möglichkeit nicht ausschließen, dass ich in einer anderen Zukunft wieder Wettkämpfe mache. Aber momentan möchte ich das nicht und ich will mir das jetzt auch nicht als Ziel setzen.

Ich genieße es eigentlich gerade, dass ich mal nicht mehr so ein einziges Ziel habe, sondern dass ich mir in ganz vielen verschiedenen Bereichen überlegen kann, wie ich weiterkomme.

Das kann ich nachvollziehen, auch wenn ich nie auf deinem Niveau war…

Ich glaube jeder Sportler kann das nachvollziehen, das ist ja der Kern der Sache. Ich habe sehr viele positive Rückmeldungen aus meinem sportlichen Umfeld bekommen, die meine Entscheidung sehr anerkannt haben. Unverständnis haben eigentlich nur Personen, die nichts mit dem Sport zu tun hatten, zurückgemeldet und die nicht verstanden haben, was für eine Drucksituation man im Leistungssport hat.

Du hast dein Leben in vielerlei Hinsicht voll auf den Sport ausgerichtet und dafür auch vieles aufgegeben…

Ich glaube es geht mir nicht darum, dass ich das Gefühl hatte, ich gebe mein Leben auf. Sondern mein Gefühl war tatsächlich: Ich habe kein Leben. Mein Gefühl die letzten 2 Jahre war, dass mein Leben komplett stillsteht. Und dass ich das jetzt noch 5 Jahre mache und danach kann ich endlich alles machen. Und wenn man diese Gedanken so reflektiert muss man einfach sagen: Dann ist der Leistungssport eigentlich nicht mehr das Richtige.

In vielerlei Hinsicht ist der Sport, und vor allem der Leistungssport, ja auch etwas primär Egoistisches.

Ja, etwas Egoistisches und vor allem auch, wie man jetzt gesehen hat, in vielerlei Hinsicht vernachlässigbar. Aber das ist eine eigene Diskussion. Ich glaube, mich hat das so sehr eingenommen, dass kein Platz für andere Dinge war, aber ich kenne auch Athleten, die kommen irgendwie ganz gut damit klar.

Denkst du, dass die Corona-Krise dich in deinem Entschluss bestärkt hat?

Das weiß ich gar nicht so genau… aber das Interessante war, dass ich die Corona-Krise eigentlich echt toll fand. Ich konnte super trainieren, mein Ding machen und habe das echt genossen. Ich bin wohl ein richtiger Trainingsweltmeister und eigentlich war ich dann auch erleichtert, dass die Olympischen Spiele abgesagt wurden. Das sind Dinge, die ich jetzt bewusst realisiert habe, aber ich glaube ich wäre auch ohne Corona zu dieser Entscheidung gelangt.

Ich habe eben gemerkt, dass ich ohne Wettkampfdruck richtig fit werde, und sobald die Wettkämpfe wieder los gehen, werde ich immer weniger fit. Und dann war es für mich nur konsequent zu sagen: Vielleicht willst du den Wettkampfdruck nicht mehr? Eigentlich bin ich als Typ jemand, der super gerne Challenges annimmt und es hat mich immer gewurmt, dass ich mit Wettkämpfen nicht so umgehen konnte. Wettkämpfe lösen bei mir einfach eine starke persönliche Abneigung aus, auch wenn ich nicht weiß warum. Und davon möchte ich mich jetzt endlich befreien.

War das schon immer so?

Nein, eigentlich nicht und das hat sich erst über die Zeit so entwickelt. Es war schon auch eine Herausforderung, nach meiner Verletzung vor 2 Jahren zurück zu kommen, was mir ja auch geglückt ist. Aber es hat vielleicht auch dazu geführt, dass ich mir die Frage gestellt habe: Will ich das jetzt überhaupt noch? Aber so ganz sicher bin ich nicht. Ich muss aber sagen, ich bin jetzt echt glücklich mit der Entscheidung. Aber falls ich wieder Lust habe, dann mache ich den Wettkampfsport auch wieder. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Könntest du dir vorstellen, mal als Trainerin zu arbeiten?

Ja, ich hätte definitiv Lust. Prinzipiell kann ich mir schon vorstellen (als Trainerin tätig zu werden), aber mein erstes Ziel ist jetzt, mein Studium abzuschließen. Ich brauche noch anderthalb Jahre und danach ist eben auch die Frage, wo die Reise hingeht. Ich kann mir aber gut vorstellen, ich könnte mir eine Trainerausbildung vorstellen und auch, mich woanders sozial zu engagieren so wie z.B. bei den „Ärzten ohne Grenzen“, auch wenn ich natürlich keine Medizinerin bin. Aber mein erstes Ziel ist jetzt das Studium.

Du hast neben dem Leistungssport auch dein Studium zu weiten Teilen durchgezogen. Denkst du, es hat dir geholfen, auch neben dem Sport eine andere Beschäftigung zu haben?

Ich bin ein Verfechter davon. Ich glaube es hilft, wenn man etwas anderes hat, woran man sich festhalten kann. Wenn man sich jemand wie Ajla Del Ponte (anm. Schweizer Weltklasse- Sprinterin über 100m) anschaut, die zahlreiche Diamond-League Rennen dieses Jahr gewonnen hat… und die studiert nebenher auch. Das ist grundsätzlich was Individuelles, und ich glaube es muss auch jeder so ein bisschen für sich selbst herausfinden, wie viel er neben dem Sport investieren kann, und wie viel Energie er dafür überhaupt übrighat.

Jetzt doch nochmal zurück zu deiner Kariere. Was war dein schönster Moment? Dein bestes Rennen? Oder einfach nur ein schönes Erlebnis wie ein Trainingslager?

Ich glaube die Trainingslager werde ich am meisten vermissen. Ich finde, da passiert immer etwas und es kommen Leute zusammen, die sonst nie zusammenkommen würden. Es entsteht einfach eine großartige Dynamik.

Sportlich würde ich schon sagen, das Rio (anm.: Die Olympischen Spiele 2016) schon das Größte war, was ich je erlebt habe. Auch wenn ich jetzt Bilder sehe, denke ich mir: Ich war da dabei, konnte mit Athletenakkreditierung überall hin. Und auch der Moment im Stadion… Das kann mir niemand mehr nehmen. Auch die anderen großen Meisterschaften, bei denen ich dabei sein durfte. Das ist alles etwas, das mir bleibt. Aber die Trainingslager sind wirklich etwas, was ich vermissen werde.

Was war der Tiefpunkt deiner Karriere? Du hattest eine lange Verletzungsphase vor zwei Jahren…

Ich weiß nicht ob ich wirklich einen absoluten Tiefpunkt hatte. Klar, es gibt keine Karriere ohne Tiefschläge… Aber ich glaube für mich gibt es keinen „Tiefstpunkt“. Es war immer so, dass ich gesagt habe: Ja, da rappele ich mich jetzt wieder auf, ja jetzt hast du halt einen Schlag abbekommen, aber jetzt musst du wieder aufstehen und dann geht es von vorne los. Klar tut es weh, und die Verletzung war hart, weil ich das Gefühl hatte, da nicht mehr rauszukommen. Aber auch da hat mir der Sport und das Training an sich immer was zurückgegeben.

Was würdest du sagen, hat dir der Leistungssport mitgegeben? Und was würdest du jungen Athletinnen und Athleten in dem Bezug mitgeben?

Ich denke es ist ganz, ganz wichtig, seinen eigenen Weg zu gehen. Man sollte für sich selbst wissen, worauf man sich einlässt und es sollte immer die eigene Entscheidung sein. Und es ist wichtig, dass man auch immer ehrlich mit sich ist und wenn irgendwann der Punkt erreicht ist, wo man es nicht mehr machen will, dass man in seiner Entscheidung dann auch frei ist und sagt: Ok, ich mache das nicht mehr.

Man darf sich auch von dem System Wettkampfsport nicht so auffressen lässt, dass man nicht mehr glücklich ist, mit dem was man ist. Ich glaube das ist ein sehr schmaler Grat, und Viele schaffen es nicht… aber ich denke für viele Athleten gibt der Sport immer was zurück. Solange diese Gleichung aufgeht, denke ich ist auch alles in Ordnung.

Im Rückspiegel betrachtet: Denkst du, du hast alles richtig gemacht? Oder gibt es Dinge, die du nun im Nachhinein eher anders gemacht hättest?

Es gibt nichts, was ich nicht nochmal so machen würde. Ich bereue absolut nichts, es war eine geile Zeit und ich würde auch alles nochmal so machen, glaube ich. Ich würde versuchen, vielleicht auch einen anderen Umgang mit dem Wettkampfsport zu erreichen, aber ich weiß nicht ob mir das gelungen werde. An sich bereue ich nichts

Du bist immer in Tübingen geblieben…

Ja grundsätzlich fühle ich mich hier wohl und für den Rest meines Studiums werde ich auch erstmal hierbleiben. Aber ich würde auch nicht nein sagen, wenn sich irgendwo anders etwas ergibt. Aber ich glaube nördlicher als Stuttgart oder vielleicht Karlsruhe wird es bei mir nicht mehr…

Und zum Abschluss noch eine Frage: Was macht dich als Person Jackie Baumann aus? Könntest du dich in 3 Worten beschreiben?

Also auf jeden Fall… zielstrebig. Sehr organisiert- auch wenn ich glaube, dass das miteinander zusammenhängt. Emotional. Und vielleicht „begeisterbar“. Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann bin ich auch motiviert, alles zu geben.